ATELIER PERCEVAL – LE THIERS

30. Juni 2016
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Eine Geschichte von Ruhm & Ehre und von sagenumwobenen Bruderschaften

Das „Le Thiers“ von Perceval

Am Beginn unserer Geschichte steht ein Gerücht. Ein Gerücht, das sich langsam aber sicher durch die sozialen Netzwerke verbreitete, teils hinter vorgehaltener Hand geflüstert, als dürfe man die Worte nicht laut aussprechen, als stünde hinter der nächsten (virtuellen) Ecke jemand, der einen für das Verraten eines Geheimnisses vor den Scharfrichter bringen könnte: „Pssst! Perceval bringt ein neues Modell auf den Markt! Es wird ein Le Thiers!“ Ab diesem Moment steigerte sich bei einigen von uns die Vorfreude in beinahe greifbare Spannung. Doch von Anfang an…

IMG_0688„Anfang“ ist in diesem Falle sogar wörtlich zu nehmen, schlagen wir doch einen weiten Bogen in die Mitte des 12. Jahrhunderts nach Frankreich. Hier, genau genommen in der Stadt Troyes im Nordosten Frankreichs an der Seine gelegen, lebte und schrieb der Autor Chrétien de Troyes seine Romane, genauer gesagt Versepen, die sich zu einem nicht unerheblichen Teil mit dem keltisch-britannischen Sagenkreis um König Artus, den heiligen Gral und den Rittern der Tafelrunde beschäftigten. Seine Werke waren in Europa so einflussreich, dass sie sogar ins Deutsche übertragen wurden. Gegen Ende seines Schaffens (und Lebens) begann Chrétien eine letzte große Erzählung, die jedoch nie von ihm vollendet werden sollte: „Li Contes del Graal ou Le roman de Perceval“ („Die Geschichte vom Gral oder der Roman von Parzival“). Auf einen Satz herunter gebrochen behandelt diese „aventiure“ die Entwicklung des eher tölpelhaften und unwissenden, jedoch mit allen ritterlichen Eigenschaften ausgestatteten Helden Perceval (Parzival) hin zum Erlöser und Gralskönig. Somit ist Perceval einer der bedeutendsten von Artus‘ Rittern der Tafelrunde, eines der vielleicht großartigsten „Jungs-Clubs“ aller Zeiten! Wer von uns wäre nicht gerne ein Teil davon gewesen???

Interessierten an Geschichte und literarischer Kultur sei die Übertragung des Parzival ins Deutsche Wolframs von Eschenbach ans Herz gelegt.

Hier haben wir ihn also gefunden, den Ursprung des Namens (und vielleicht auch eines Teils der IMG_0749Philosophie) der Schmiede Perceval, deren „Le Thiers“ im Frühsommer 2016 und anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens für solches Aufsehen sorgt. Es ist ein großer Name, ein bedeutungsvoller Name, der bei uns Assoziationen weckt von Ritterlichkeit, von Abenteuern, von der hohen Minne und einem ehrenvollen Leben für einen höheren Zweck. Ein Name, der in unserer Zeit beinahe etwas entrückt wirkt, jedoch nur, wenn man sich voll und ganz auf ihn einlässt, ihn hinterfragt.

Zu diesem Zeitpunkt, lieber Leser, haben wir jedoch erst den halben Weg zum tiefen Grund der Namensgebung von Schmiede und Messer zurück gelegt. Bleibt die Frage, wie das Messer den Namen der Stadt bekam. Auch diese Geschichte reicht zurück bis ins Mittelalter, war doch Thiers schon vor vielen hundert Jahren berühmt für seine Schmiedekunst. Die Messermacher Gilde in Thiers existiert seit dem 16. Jahrhundert. Allein was fehlte war das EINE Messer, das diese reiche und alte Tradition, die Stadt und alles, was man mit ihr verbindet, repräsentieren konnte. Denn was Laguiole kann,…

IMG_0662Zum Zwecke der Festlegung einiger Kriterien, die ein solches Messer erfüllen müsse, gründeten etwa 150 professionelle und Freizeit-Messermacher im Jahre 1994 die „Confrérie du couteau Le Thiers“, die Bruderschaft des Le Thiers Messers. Schon im folgenden Jahr wurde das erste Messer vorgestellt und ein weiteres Jahr später wurde die Schmiede Perceval gegründet. Hier ist es dann auch schon wieder, das sagenumwobene Element, eine Bruderschaft, ja, vielleicht sogar eine Art Geheimbund, deren Regeln zu befolgen sind, will man sein Produkt unter einem bestimmten Namen anbieten… Dinge, die unsere Phantasie anregen, die uns an die Tafelrunde, die Tempelritter, Freimaurer oder Illuminaten denken lassen. Bedeutende Dinge. Aufregende Dinge.

Was dann am Ende heraus gekommen ist, muss unter den oben genannten Vorzeichen ein Wenig anmuten wie pure Alchemie. Als sei es ein Produkt, das der Zauberer Merlin in seinem Turmzimmer in Camelot erdacht und unter Aufwendung all seiner Kräfte hat entstehen lassen. Ein Messer, dem etwas Magisches inne wohnt. Und irgendwie ist es auch so…

Sicher, für den Außenstehenden wie auch den reinen Kopfmenschen ist es lediglich „ein weiteres Taschenmesser“. Ganz hübsch anzusehen, sicher. Auch die Materialien sind fein, klar. Die Verarbeitung ist auch top, keine Frage. Aber sonst? „Wie, aber sonst?! Reicht das nicht schon aus?“, wollen wir ausrufen. Zurecht!

Das Atelier Perceval steht in dem Ruf, eine ganz besondere Qualität zu liefern. Gerade bei der Griffbeschalung wählen sie stets ausgesucht schöne und teils besonders edle Qualität. Man möchte sagen, eines Königs würdig, zumindest aber eines edlen Ritters.

Die aktuelle Linie der „Le Thiers“ Messer bildet da keine Ausnahme. Zur Wahl stehen unter anderem DSC_5243Bruyere Holz, das besonders den Pfeifen-Freunden und -Rauchern ein Begriff sein wird, Makassar Ebenholz, die Klassiker des französischen Messerbaus wie Grenadill und Amourette, aber auch wieder das traumhaft schöne und mit einem unvergleichlichen Feuer ausgestattete Holz aus der Knorre des Wüsteneisenholzes aus Arizona. Das von Perceval verwendete Holz ist seit mindestens 3000 Jahren tot und teilweise versteinert. Die Dichte und Ausdruckskraft dieses Holzes ist beinahe ohne Vergleich in der Welt.

Erstmals bietet Perceval mit dem neuen Messer auch weißes Ebenholz an. Im amerikanischen Raum wird dieses oft als „black and white ebony“ bezeichnet, was der Optik der Maserung noch eher entspricht: diese ist von starkem Kontrast und man findet kaum zwei Messer, die sich deutlich ähneln. Hier ist jedes einzelne Modell von einem ganz eigenen Charakter, was dieses Holz ganz besonders interessant macht.

Doch das „Le Thiers“ von Perceval weiß nicht nur optisch durch besonders hübsche Griffschalenpaare zu überzeugen, oder aber durch die über 9 Zentimeter lange und schlanke Klinge ohne Nagelhau, oder durch die sanften Formen des Griffes, die das Perceval optisch von seinen Brüdern gleichen Namens abheben, nein, es sind noch weitere kleine Details, die ein ganz eigenständiges und in sich vollkommenes Gesamtbild ergeben.

Direkt ins Auge springt der weniger gebogene Griff im Vergleich zum Beispiel mit einem Chambriard, dem vielleicht prototypischsten Vertreter der Gattung „Le Thiers“. Auch ist der Griff minimal länger und hinten weniger kantig abgeschlossen. Die 2,5 Millimeter starke 14C28N Klinge des Perceval verzichtet auf den komplett geraden Klingenrücken und wartet stattdessen mit einer sanfte Droppoint-Form auf. Dies kommt unerwartet, ist aber wunderschön ausgeführt und sehr passend. Der Anschliff  geht durch bis zum Griff. Hier wird jeder Millimeter ausgereizt. Statt eines Slipjoint verfügt das Modell – Perceval-typisch – über einen Linerlock, der sehr sauber arbeitet.

Das Ressort, in diesem Fall ist es ja keine Rückenfeder, verfügt (wie viele Messer aus Frankreich) über eine Guillochage, eine ins Material gefeilte Verzierung, welche nicht klassische Ranken oder geschwungene Formen zeigt, sondern, sehr modern, breitere und schmalere diagonale Kerben. Sehr gelungen, wie ich finde!

lethiers8Ein weiteres kleines Detail, das für einige Interessierte die Welt bedeuten könnte, ist die Ausführung der Klingenwurzel im geschlossenen Zustand. Wie bei allen schlanken klassischen Messern steht sie natürlich über die Griffschalen über, aber Perceval hat es geschafft, dass der Griffabschluss und die Klingenwurzel eine Linie bilden und somit keine störende Kante über steht.

Die Handlage eines Messers ist der vielleicht am wenigsten objektive Teil einer Beurteilung. Aus Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass dieser Griff vermutlich zu jeder Hand passen wird, die ihn ergreift. Dadurch, dass die Griffschalen nach hinten hin etwas breiter werden, liegt das „Le Thiers“ wunderbar sicher und für ein solch schlankes Taschenmesser auch „satt“ in der Hand. Zur Performance eines Perceval brauche ich an dieser Stelle vermutlich keine Worte mehr zu verlieren… Nur so viel: die Schneideigenschaften der flach und dünn ausgeschliffenen Klinge sind die reinste Freude! Das war/ist auch bei den anderen Modellen wie „Le Francais“ oder „L-08“ so.

Nun, wie könnte in diesem Fall mein Fazit ausfallen? Ich bleibe bildlich bei den Mythen und Legenden und sage nur so viel: geht hin und zieht das Schwert aus dem Stein! Ergreift die Chance! Das Perceval „Le Thiers“ ist materialisierte Geschichte, hergestellt in einem Ort, der selbst ein Teil derselben ist. Mit diesem Messer wird jede Mahlzeit für einen Moment zum ritterlichen Bankett, wird sein Träger wieder ein Teil jener Welt, die früher für uns beinahe greifbar war und die wir im Laufe der Zeit einfach nur vergessen haben.

Seid willkommen zurück, Sire!

 

Text: Andreas Thiel, Review auf yt: Atelier Perceval Le Thiers

Bilder: Michael Brandner, Claudia Rudi

Anmerkung: der Autor und freie Schriftsteller Andreas Thiel ist Messerliebhaber und -sammler und veröffentlicht regelmäßig auf seinem You Tube Channel „Andi1878“ interessante Reviews

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